FLUX - Zugzwang

Leseprobe

Während in Augmented Reality die vielen Details und Hintergründe dargestellt werden handelt es sich bei FLUX - Zugzwang doch um ein gedrucktes Buch, dass auch genauso geschrieben ist. Es folgt eine kleine Leseprobe, der Anfang des Romans ...

V.

Prolog

Gleißende Geschosse, grausames Zischen - Tinnitus. Schockwelle, Hitze, sie erfasst, verbrennt, bricht ihn. Inferno, reglos ist er Zeuge, sieht Chaos, Staub, Trümmer, hat alles detailliert vor Augen.
„Woran erinnerst du dich?“ Eine Stimme, kalt und ruhig.
„Trommelfeuer…“ Er zittert, das Bild erstarrt, gefriert, zerbricht. „Wir rannten.“, haucht er, zögert, versucht die Fragmente zu ordnen. „Ich starb.“
Gläserner Blick, der Alkohol - in einem Zug hinuntergekippt – rinnt durch die Kehle, brennt gnadenlos. Verzerrte Sinne - zittern.
„Nein, Lycon.“, erwidert die Stimme. „Du bist erwacht.“ Die Hand überlässt das Glas der Schwerkraft; Aufschlag, Klirren, tausende Partikel gleiten über den Boden, werden verschluckt. „Du warst umgeben von einem Geflecht aus Lügen. Gefangener einer Illusion.“

Ätzende, zersetzende Stille, dann Tinnitus - er kämpft, versucht zu verstehen – die Fragmente fügen sich.
„Figuren …“, murmelt Lycon, sieht auf. „Nichts als Schachfiguren.“ Schwarzweißes Meer, es umringt seine imaginierte Existenz, verwirrt, erleuchtet zugleich, konfrontiert in Gedanken mit der Wirklichkeit. „Fäden … überall.“ Er betrachtet sein Scheinbild – die Marionette. Springt umher, verliert sich in multiplen Realitäten – beginnt zu begreifen. „Es ist wie ein Spiel.“
„Das System ist das Brett, das Volk die Bauern. Regierungen und ihre Institutionen stellen die anderen Figuren. Nur wer spielt?“
„Jene, die es erkennen.“ Gläserne Fäden, platzen, erfüllen mit Glanz.
„Und was nun?“ Der Schimmer offenbart einen Pfad.
„Beginnen wir von vorn.“

Kapitel 1

Vier Tage zuvor ...

Abenddämmerung, durchzogen von Regenströmen. Lichtbögen, die den Himmel erhellten, offenbarten dabei einen jungen Mann, der durch die überfluteten Gassen Lyderias stapfte. Abperlendes Wasser, Kapuze und Umhang schützten weniger ihn, eher seine Tasche. Dabei kämpfte er mit dem Wetter, war mit reißenden Strömen auf dem Pflaster konfrontiert, spaltete diese mit seinen Schuhspitzen wie Wellen in der Brandung. Gewitter und Kerzenschein wiesen ihm den Weg, ehe er durchgefroren an seinem Ziel ankam, gegen eine Holztür schlug und abwartete, bis sich diese mit einem kurzen Murren öffnete, er hindurchhuschte und hastig schloss.

Schnaufen, ein erlöster Blick - achtlos warf er den Mantel in eine Ecke, wobei ihm das lange, schwarze Haar ins Gesicht fiel, die tiefblauen Augen kurz verdeckte.
„Endlich wieder da.“ Die Lederstiefel hinterließen wässerne Fußspuren in dem altbekannten Labyrinth. Apparaturen, Bauteile, Krempel – ein Gebirge aus Stahl, Eisen, Chemikalien und Kristall, abstrus Durcheinander, getürmt, schier endlos. Das Heim des wohl größten Tüftlers Rhiels, genauso das seine.

Acalon saß an seinem von Werkzeug und Papierbergen völlig überschwemmten Schreibtisch, zeichnete gerade an einem Bauplan. „Schon wieder Schrammen und Brandspuren?“, fragte der Junge, zeigte auf den ramponierten Kittel des Alchemisten.
„Wie?“, zischte er, war verwirrt. „Was meinst du, Lycon?“ Eindringlicher Blick, der Alte begriff. „Ach das, ganz normal.“
Acalon beachtete ihn nicht weiter, versank in seiner Arbeit – bis er sich erinnerte, realisierte, dass er Lycon zur Abholung eines Päckchens entsandt hatte.
„Ach ja …“, begann der Alte, grinste, klappte die goldene Brille mit den dutzenden voreinander platzierten Linsen hoch, sah den Jungen neugierig an. „Hast du das Arkanit?“
„Ja.“ Lycon öffnete die Tasche. „Zusammen mit einem Brief von Soric.“ Acalon runzelte die Stirn.
„Was will er dieses Mal?“  Gespannt nahm er den Brief entgegen, überflog ihn, brach in lautes Gelächter aus.
„Soric, der Irre, will eine neue Belagerungswaffe, mit der er die ‚Grenzen der Eisernen Front‘, wie er maßlos geschwollen betont, brechen kann.“ Der zynische Ton war klarer als die Lycon bevorstehende Erkältung.
„Waghalsiges Vorhaben.“ Lycons Worte, schlagartig nüchtern.
„Kennen wir den Zeron denn anders?“ Acalon hielt inne, schlug den Brief auf den Schreibtisch, stand auf, knöpfte den zerzausten Kittel zu und nahm eine Denkerpose ein.
„Die Frage ist …“, begann er, seufzte. „Wollen wir es anders?“ Lycon verkniff sich das Lachen, die Inszenierung war legendär und wurde nie langweilig. „Natürlich könnten wir Avadur auch einfach weiter in Schach halten, doch die Schweine setzen uns unter Druck.“
„Der ressourcenarme, bedürftige Süden …“, murmelte Lycon.
„Ja natürlich!“ schoss es aus Acalon heraus. Er nickte, bejahte mehrfach, wandte sich um und betrachtete den Brief erneut, um vorzulesen. „Pass auf! ‚Zur Beendigung der Tyrannei durch Avadur und dessen Regime, angeführt von Zeron Maverid benötige ich, Zeron Soric von Rhiel, eure Hilfe.‘ So förmlich!“ empörte er sich. „Wir kennen uns bald vierzig Jahre!“ Lycon grinste, Acalon fuhr fort. „Eine Fluxartillerie, die dem Feind mit ungeheurer Kraft, Resistenz und Mobilität aufwartet – mit dieser, welche die Konstruktionen Avadurs übertrifft, haben wir nicht nur eine Chance, sondern vor allem auch die Sicherheit, bald das Ende des Krieges zu deklarieren.“ Er grunzte vor Lachen, verschluckte sich fast dabei. „Was für eine Propagandaschrift. Der Krieg gegen diese elendige Diktatur ist doch immer fast gewonnen. Und das seit bald wie vielen Jahren?“ Lycons Einsatz.
„Siebzehn.“ Acalon nickte, grunzte erneut, fasste sich wieder, schien plötzlich gefesselt von dem Dokument.
„Ich sehe gerade sein Konzept – genial! Die Idee kam mir bereits vor Wochen.“ Kopfschütteln bei Lycon – die Ahnung wurde bestätigt.
„Daran tüftelt der Alte also die ganze Zeit.“, dachte er, die Erprobungsvorfreude war dem Alchemisten anzusehen. „Garantiert hat er mich nur deswegen in dieses Mistwetter hinausgesandt.“ Der innere Monolog endete, Neugier folgte.
„Wann können wir sie testen?“
„Die Tasche!“ Mit einer hastigen Handbewegung forderte Acalon das Gepäckstück, durchsuchte sie gierig, euphorisch, übersprudelnd und zückte einen melonengroßen, kantigen Arkanitkristall aus dieser. Rötliches glühen, Brillantschliff – höchste Qualität, an deren Anblick der Alte sich labte. „Dank diesem Exemplar jederzeit. Doch es ist schon spät. Morgen.“

Voller Tatendrang widmete Acalon sich der Arbeit, bemerkte gar nicht, das Lycon den Raum verließ, die hölzerne Treppe in den Dachstuhl hinaufstieg und sein einer Bibliothek gleichendes Zimmer betrat. Über den roten Teppichen, vorbei an den Bücherstapeln und Notizen schritt er auf seinen Ohrensessel zu, ließ sich fallen. Streichholz, kratzen, er entzündete eine Kerze, tauschte diese mit dem Buch auf dem Tisch und begann, widmete sich erneut den Lehren der erweiterten Militärstrategie des Stadtstaat Rhiel.
„Bald vorbei ...“, dachte er, arbeitete sich durch die zähe Lektüre, erinnerte sich dabei der Worte Acalons:
„Wenn du in den heutigen Kriegszeiten etwas erreichen und am Hof des Zeron dienen willst, so musst du dich auch damit auseinandersetzen.“ Recht hatte er, die Disziplin triumphierte – Lycon versank in der Schrift, sah nach einer Weile auf – legte das Buch in seinen Schoß.
„Es ist mehr als bloße Disziplin und Pflichtgefühl, die mich leiten“, stellte Lycon fest, reflektierte, analysierte weiter – bezog sein Wissen aus anderen Quellen ein, verfasste einen inneren Essay. „Der wirtschaftliche Fokus bestimmt die Gesellschaft – die unsrige ist auf den Krieg fokussiert, hält gegen den Fanatismus Avadurs stand und wahrt unsere Freiheit. Doch genauso, wenn nicht noch schlimmer ist es in Tycos, unserem Verbündeten. Konzerne aller Art, ob Industrie, Pharmazie oder auch die wissenschaftliche Fakultät – sie alle dienen dem Krieg, müssen ihn bedienen und vergessen, verlieren sich selbst.“ Lycon schüttelte den Kopf. „Zerstören, Aufbauen, Verwunden, Heilen, stets innovativer, dem Feind einen Schritt voraus - der Krieg löst das Problem begrenzten Wachstums, bricht unbewegliche Strukturen, generiert Profit im Tausch für Leben.“ Ein Gefühl von Abscheu erwachte in ihm, immer wieder hatte ihn dieses konfrontiert, wenngleich er es lieber wegschloss, sich fokussierte, versuchte, das Gute an der Welt zu sehen – Lösungen für alles andere zu erarbeiten. „Die ehemalige Hauptstadt des Imperiums, Tycos, war schon immer für ihre moralische Inkonsistenz bekannt. Sie nutzt die Not der Völker, situiert sich gut, lässt Rhiel für sich kämpfen. Es ist kein Wunder, warum diese Materialschlacht seit siebzehn Jahren tobt – ein Ende ist nicht in ihrem Interesse, der Patt zwischen Rhiel und Avadur ist die für sie beste Konstellation.“ Diese Gedanken weckten Zielstrebigkeit, bestärkten ihn erneut in seinem Ziel. „Ich werde der beste Berater am Hofe des Zeron sein und eine Lösung dafür finden. Der Krieg wird enden, genauso die ökonomische Hegemonie unseres Verbündeten.“

Er schöpfte neue Kraft, widmete sich erneut dem Buch, kam schneller durch als erwartet und genoss abschließend noch eine andere Lektüre. Betitelt als „Diskurs über die Relevanz der Unabhängigkeit der tycanischen Frontprovinzen“ schien sie ihm ein probates Mittel zur Durchsetzung seines Ziels ...

Kapitel 2

Drei Tage zuvor ...

Ohrenbetäubender Knall,  Beben – Lycon erwachte schlagartig, es warf ihn beinah aus dem Sessel. Herzrasen, weit aufgerissene Augen – die Erleuchtung folgte.
„Acalon ...“ Er stand auf, huschte hastig zum Fenster, erspähte den Alten – wie vermutet – mit einer abstrakten, goldenen Konstruktion, in deren Basis der rote Kristall verbaut war. Mehrere symmetrisch aufeinander gerichtete Messingschienen, deren Innenseiten verspiegelt waren, formten den von Linsen gespickten Lauf, indem das Flux gebündelt wurde. Leicht über dem Boden schwebend, dumpf surrend und glühend, ja nahezu majestätisch erschien die mit der Macht des Flux betriebene Konstruktion – die soeben abgefeuert wurde. Fasziniert folgte Lycons Blick dem gleißendem Kometen, der sich unaufhaltsam dem Gebirgshang näherte – einschlug, einen Lichtblitz entfesselte. Erneutes Beben, dumpfer Bass zog über das Land, zerrüttete es, bescherte dem angrenzenden See ein paar neue Inseln. Denn ganze Felsen brachen aus dem Berg, verdrängten Wasser, Wellen überfluteten das Ufer.

Lauthals lachte der Alchemist, der Pyromane in ihm feierte, genoss das grelle Licht auf das Rauchschwaden folgten, die sich dann verzogen und einen Krater offenbarten. Seidene, beinah schwerelose Fäden, die flüssig und gläsern, rötlich glühend, wie flüssiger Stickstoff dampften, breiteten sich in elliptischen Mustern in diesem aus. Dabei fielen sie, wandten sich um, tanzten zu Boden, angetrieben vom Sog der Schwerkraft. Purer Flux, auch Äther genannt – immer wieder bescherte dieser Anblick ihnen Gänsehaut.  Das der kleine Berg mit seinem Hang förmlich halbiert worden war schien nebensächlich.

Geschwind eilte Lycon hinunter, ließ einen Apfel aus der chemielaborähnlichen Küche mitgehen und stürmte zur Tür hinaus. Er blieb stehen, konfrontiert mit den Blicken verängstigter Anwohner, verstand er, dass Acalon sie nicht informiert hatte. Er gab Entwarnung. Getuschel erklang, Kopfschütteln und Fluchen dominierte die Szene, die Lycon leicht verlegen verließ.
„Ob sie sich je daran gewöhnen werden?“, fragte er sich, verneinte, akzeptierte, das die Tests von Kriegswaffen in der Nachbarschaft auch ihm zu schaffen machten – und doch war es eigentlich nur die Sprunghaftigkeit des Alchemisten, die den Terror zu verantworten hatte aber … so war er eben. Nicht weiter darüber nachdenkend spazierte Lycon ums Haus, biss in den Apfel, wünschte Acalon einen ruhigen, friedlichen und guten Morgen – Ironie im Endstadium, der Alte lachte.
„Sag, sind wir neuerdings an der Front? Nicht, dass ich unseren Nachbarn eine falsche Auskunft gegeben habe.“ Acalon grinste.
„Ach was, selbst wenn die Schergen Avadurs hier wären, täte das Ding ihnen den Garaus machen. Und nun … tu mir doch bitte einen Gefallen.“ Lycon hob die Augenbraue, hatte eine Ahnung ...
„Geh ins Rathaus und nutze den Fluxkommunikator. Lass Soric wissen, dass der geforderte Waffenprototyp fertiggestellt ist. Schick ihm auch die Pläne, sodass die Serienproduktion schnellstmöglich beginnen kann. Und danach kannst du, wenn du willst, die andere Hälfte des Berges … bearbeiten.“ Erneut bestätigte sich die Ahnung – er kannte Acalon einfach zu gut, würde zudem entschädigt werden – damit konnte er sich zufriedengeben.

Noch immer kaute er an dem Apfel, ging mit den Plänen unter dem Arm zum Rathaus, vorbei an Fachwerkhäusern, vielen Bewohnern, die er grüßte, so als sei nichts gewesen. Dorfplatz, diverse Marktstände umringten einen Springbrunnen – dahinter lag sein Ziel. Weiß, im viktorianischen Stil erbaut war das Gebäude - die kleine Villa des Bürgermeisters. Das provisorische Rathaus, umringt von einem eher ungepflegten Garten – die Schaltzentrale der (irrelevanten und quasi nicht vorhandenen) Politik Lyderias. Er ging hinein, fand sich im großen Empfangssaal wieder, dessen zentraler Pfad mit einem blauen, teils vergoldeten Teppich ausgelegt war. Rundherum gefüllte Bücherregale, zwischen ihnen von Wasserranken bedeckte Säulen, deren Pflanzen die gesamte Decke vereinnahmten. Lycon umwanderte Kisten, gefüllt mit allerlei Waren. Sie türmten sich ähnlich wie in der Werkstatt, dennoch war das Ambiente weit ansehnlicher – sofern die Erschütterungen der groben Bergbauversuche Acalons das Gebäude nicht bald zum Einsturz brachten.

Ende des Teppichs, er stieg die Wendeltreppe hinauf, umrundete dabei einen blauen Kristall, dessen Funktion in der Versorgung des ganzen Dorfes bestand. Ein dumpfes Surren war an dem Mineral auszumachen, genauso die kleinen blauen Ätherstreifen, die sich hin und wieder von der Materie des Objektes abhoben. Während Lycon nach oben ging, sah er hinauf, erkannte, dass die Kristallspitze, die durch die Decke ragte, von einer blütenartigen Klappe abgedeckt war.
„Der Handlanger des Terroristen!“ Die Worte des Bürgermeisters, die Lycon vernahm, als er das erste Stockwerk erreicht hatte. „Könnt ihr uns unschuldige und hilflose Bewohner nicht ein einziges Mal vorher informieren?“ Die Verzweiflung hätte nicht gespielter klingen können, in Wahrheit hasste er Acalon schlichtweg, sah sich durch ihn als direkten Produzenten für den Zeron in seiner Funktion ausgehebelt.
„Das ist nicht gut für die Verdauung“, fuhr er fort. „Nein, ganz und gar nicht! Schlechter Stil.“ Der Mann, Ende fünfzig, richtete sich die Brille, während er mit der anderen Hand den Speckbauch massierte. Lycon verdrehte die Augen, war durch sein assoziatives, eidetisches Gedächtnis zur Rekapitulation der Informationen geradezu gezwungen.
Weinerlicher, sozial unfähiger Bürokrat. Nervig und doch aus einer einflussreichen Familie stammend, sodass man ihm den Posten nicht verwehren konnte – entsprechend besetzte Soric mit ihm den unbedeutendsten, da Lyderia sich quasi selbst verwaltete. Sein übertriebener Ordnungssinn, dem er offensichtlich nicht nachzukommen vermochte, wie die Villa und ebenso das Auftreten offenbarten, war vielleicht gar nicht die schlechteste Eigenschaft, um den Pyromanen Acalon davon abzuhalten, das Dorf abzufackeln. Doch abseits dessen fiel ihm nichts weiter ein.
„Ich habe Hunger! Also, bringen wir es schnell hinter uns.“, fuhr der Bürgermeister fort. „Lasst mich raten, ihr wollt dem Zeron Soric berichten?“ Offensichtlich hatte das Bedürfnis nach Frühstück den Ärger nun doch besiegt.

Lycon klärte die Formalitäten, dabei begann der Kristall im Treppenhaus zu erglühen. Die Blütenklappe öffnete sich, der Hologrammkommunikator wurde kalibriert und begann, eine holographische Verbindung nach Rhiel herzustellen. Der schwacher Laser schoss über die Gebirge und Wälder, Täler und Felder hinweg, in Richtung des Zeronenpalastes in Rhiel.

Die Verbindung stand, das Hologramm eines älteren und doch kräftigen Mannes in edelster Robe erschien – der Zeron Soric von Rhiel.
„Seid gegrüßt, eure Exzellenz“, begann der Bürgermeister. „Der junge Lycon, Lehrling des Alchemisten Acalon, möchte Euch über die Fortschritte Eurer Anforderung unterrichten." Sorics Blick wandte sich Lycon zu.
„Ich höre.“, kratzte die Stimme des Hologramms.
„Der oberste Alchemist Acalon hatte die Idee bereits selbst ins Auge gefasst, und den Prototypen haben wir heute Morgen getestet – erfolgreich. Hier sind die Pläne." Die ernste Miene Sorics verzog sich kein bisschen, stattdessen schien es, als hätte er nichts anderes erwartet. Die Pläne wurden vom Flux abgetastet, auf ein Papier in Sorics Hand eingebrannt. Sorgfältige Prüfung, erneut sah der Zeron Lycon an.
„Ja“, sprach er mit ruhiger und doch harter Stimme. „Wie genau ist der Test verlaufen?“ Der Bürgermeister schluckte.
„Wir …“, begann der Junge zögerlich, „haben einem Berg seinen stolzen Abhang weggefeuert und das ganze Dorf geschockt.“

Stille.

Lediglich das leise Flimmern des Kristalls war zu hören, als Soric Lycon eingehend musterte, während der Bürgermeister dies vollends genoss, auf Sanktionen für den Störenfried hoffte.
„Den halben Berg?“, fragte Soric und Lycon nickte. „Gut.“ Der Zeron grinste kurz, warf dem Bürgermeister einen verächtlichen Blick zu. Dieser bat darum, ihn zu entschuldigen und verließ eilig den Saal.
„Also wenn er sich so aufregt, muss es gut gewesen sein.“ Jetzt grinsten sie beide, sprachen auf derselben Ebene miteinander. „Was ich noch wissen wollte … Lycon, ich hörte, du seist außerordentlich gebildet, verfügst aber noch über keine Form der Fluxkontrolle.“ Die in dieser Aussage kaum versteckte Frage war Lycon unangenehm. Mit einem stillen Nicken bejahte er. „Verwunderlich in diesem Alter. Aber trotzdem kannst und sollst du Rhiel von Nutzen sein. Mit Siebzehn bist du alt genug, um endlich mehr als Lyderia zu sehen. Außerdem brauche ich deinen funktionalen Verstand hier in der Hauptstadt, es gibt ein paar Dinge aufzuklären.“  Lycon glaubte, nicht recht zu hören, stimmte eifrig zu. Natürlich sollten sie den Prototypen mitbringen und kaum war dies gesagt, endete das Gespräch. Aufgeregt rannte Lycon nachhause, fand dort Acalon vor, der nach wie vor die ferne Landschaft zerstörte. Die Entschädigung hatte Lycon komplett vergessen, teilte Acalon stattdessen euphorisch die Tatsache seiner persönlichen Einladung mit.
„Es ist also soweit …“, seufzte der alte Meister.
„Was meinst du?“ Acalon grinste, klopfte Lycon stolz auf die Schulter.
„Ach … die Zeit vergeht so schnell. Du bist endlich so weit.“ Stolz sprach aus dem Alten, gepaart mit der Trauer eines Abschieds.

Acalon gab ihm ein Pferd, seinen Schimmel mit blau glühenden Augen, ein Reisepferd, dessen Ausdauer und Geschwindigkeit künstlich durch den Konsum von flüssigem Flux, genannt Cyro, erhöht wurden, und das somit einen Wochenritt an einem Tag bewerkstelligen konnte. Schnell packte er ein paar Sachen zusammen und ritt ein paar Minuten später los. Acalon dagegen ließ sich Zeit, spannte eine Kutsche mit seiner Schöpfung an, plante ihm ein paar Stunden später zu folgen. Schließlich würde Lycon an der eigenen Spannung krepieren, ließe Acalon ihn nicht voraus reiten, zumal er Rhiel unbedingt zur Mittagszeit erleben sollte.

Entsprechend donnerte Lycon durch die Straßen der Kleinstadt, galoppierte den Bergpfad hinauf, entschwand in den Herbstwald. Über Trampelwege, vorbei an Scharen von bunten Bäumen und Büschen, immer weiter. Das Sonnenlicht schien durch die Baumkronen, ein sanfter Wind begleitete ihn. Nach einer Weile kam er aus dem Wald, erspähte den Pfad zur Hauptstadt. Endlose Wiesen im Osten, der Ozean im Süden, dessen Böen über das Land rauschten, die goldenen Hochgräser wie ein Wellenmeer erscheinen ließen. Unermüdlich galoppierte Lycon durch das Land, im Eiltempo seinem Schicksal entgegen ...

Kapitel 2

Drei Tage zuvor ...

Ohrenbetäubender Knall,  Beben – Lycon erwachte schlagartig, es warf ihn beinah aus dem Sessel. Herzrasen, weit aufgerissene Augen – die Erleuchtung folgte.
„Acalon ...“ Er stand auf, huschte hastig zum Fenster, erspähte den Alten – wie vermutet – mit einer abstrakten, goldenen Konstruktion, in deren Basis der rote Kristall verbaut war. Mehrere symmetrisch aufeinander gerichtete Messingschienen, deren Innenseiten verspiegelt waren, formten den von Linsen gespickten Lauf, indem das Flux gebündelt wurde. Leicht über dem Boden schwebend, dumpf surrend und glühend, ja nahezu majestätisch erschien die mit der Macht des Flux betriebene Konstruktion – die soeben abgefeuert wurde. Fasziniert folgte Lycons Blick dem gleißendem Kometen, der sich unaufhaltsam dem Gebirgshang näherte – einschlug, einen Lichtblitz entfesselte. Erneutes Beben, dumpfer Bass zog über das Land, zerrüttete es, bescherte dem angrenzenden See ein paar neue Inseln. Denn ganze Felsen brachen aus dem Berg, verdrängten Wasser, Wellen überfluteten das Ufer.

Lauthals lachte der Alchemist, der Pyromane in ihm feierte, genoss das grelle Licht auf das Rauchschwaden folgten, die sich dann verzogen und einen Krater offenbarten. Seidene, beinah schwerelose Fäden, die flüssig und gläsern, rötlich glühend, wie flüssiger Stickstoff dampften, breiteten sich in elliptischen Mustern in diesem aus. Dabei fielen sie, wandten sich um, tanzten zu Boden, angetrieben vom Sog der Schwerkraft. Purer Flux, auch Äther genannt – immer wieder bescherte dieser Anblick ihnen Gänsehaut.  Das der kleine Berg mit seinem Hang förmlich halbiert worden war schien nebensächlich.

Geschwind eilte Lycon hinunter, ließ einen Apfel aus der chemielaborähnlichen Küche mitgehen und stürmte zur Tür hinaus. Er blieb stehen, konfrontiert mit den Blicken verängstigter Anwohner, verstand er, dass Acalon sie nicht informiert hatte. Er gab Entwarnung. Getuschel erklang, Kopfschütteln und Fluchen dominierte die Szene, die Lycon leicht verlegen verließ.
„Ob sie sich je daran gewöhnen werden?“, fragte er sich, verneinte, akzeptierte, das die Tests von Kriegswaffen in der Nachbarschaft auch ihm zu schaffen machten – und doch war es eigentlich nur die Sprunghaftigkeit des Alchemisten, die den Terror zu verantworten hatte aber … so war er eben. Nicht weiter darüber nachdenkend spazierte Lycon ums Haus, biss in den Apfel, wünschte Acalon einen ruhigen, friedlichen und guten Morgen – Ironie im Endstadium, der Alte lachte.
„Sag, sind wir neuerdings an der Front? Nicht, dass ich unseren Nachbarn eine falsche Auskunft gegeben habe.“ Acalon grinste.
„Ach was, selbst wenn die Schergen Avadurs hier wären, täte das Ding ihnen den Garaus machen. Und nun … tu mir doch bitte einen Gefallen.“ Lycon hob die Augenbraue, hatte eine Ahnung ...
„Geh ins Rathaus und nutze den Fluxkommunikator. Lass Soric wissen, dass der geforderte Waffenprototyp fertiggestellt ist. Schick ihm auch die Pläne, sodass die Serienproduktion schnellstmöglich beginnen kann. Und danach kannst du, wenn du willst, die andere Hälfte des Berges … bearbeiten.“ Erneut bestätigte sich die Ahnung – er kannte Acalon einfach zu gut, würde zudem entschädigt werden – damit konnte er sich zufriedengeben.

Noch immer kaute er an dem Apfel, ging mit den Plänen unter dem Arm zum Rathaus, vorbei an Fachwerkhäusern, vielen Bewohnern, die er grüßte, so als sei nichts gewesen. Dorfplatz, diverse Marktstände umringten einen Springbrunnen – dahinter lag sein Ziel. Weiß, im viktorianischen Stil erbaut war das Gebäude - die kleine Villa des Bürgermeisters. Das provisorische Rathaus, umringt von einem eher ungepflegten Garten – die Schaltzentrale der (irrelevanten und quasi nicht vorhandenen) Politik Lyderias. Er ging hinein, fand sich im großen Empfangssaal wieder, dessen zentraler Pfad mit einem blauen, teils vergoldeten Teppich ausgelegt war. Rundherum gefüllte Bücherregale, zwischen ihnen von Wasserranken bedeckte Säulen, deren Pflanzen die gesamte Decke vereinnahmten. Lycon umwanderte Kisten, gefüllt mit allerlei Waren. Sie türmten sich ähnlich wie in der Werkstatt, dennoch war das Ambiente weit ansehnlicher – sofern die Erschütterungen der groben Bergbauversuche Acalons das Gebäude nicht bald zum Einsturz brachten.

Ende des Teppichs, er stieg die Wendeltreppe hinauf, umrundete dabei einen blauen Kristall, dessen Funktion in der Versorgung des ganzen Dorfes bestand. Ein dumpfes Surren war an dem Mineral auszumachen, genauso die kleinen blauen Ätherstreifen, die sich hin und wieder von der Materie des Objektes abhoben. Während Lycon nach oben ging, sah er hinauf, erkannte, dass die Kristallspitze, die durch die Decke ragte, von einer blütenartigen Klappe abgedeckt war.
„Der Handlanger des Terroristen!“ Die Worte des Bürgermeisters, die Lycon vernahm, als er das erste Stockwerk erreicht hatte. „Könnt ihr uns unschuldige und hilflose Bewohner nicht ein einziges Mal vorher informieren?“ Die Verzweiflung hätte nicht gespielter klingen können, in Wahrheit hasste er Acalon schlichtweg, sah sich durch ihn als direkten Produzenten für den Zeron in seiner Funktion ausgehebelt.
„Das ist nicht gut für die Verdauung“, fuhr er fort. „Nein, ganz und gar nicht! Schlechter Stil.“ Der Mann, Ende fünfzig, richtete sich die Brille, während er mit der anderen Hand den Speckbauch massierte. Lycon verdrehte die Augen, war durch sein assoziatives, eidetisches Gedächtnis zur Rekapitulation der Informationen geradezu gezwungen.
Weinerlicher, sozial unfähiger Bürokrat. Nervig und doch aus einer einflussreichen Familie stammend, sodass man ihm den Posten nicht verwehren konnte – entsprechend besetzte Soric mit ihm den unbedeutendsten, da Lyderia sich quasi selbst verwaltete. Sein übertriebener Ordnungssinn, dem er offensichtlich nicht nachzukommen vermochte, wie die Villa und ebenso das Auftreten offenbarten, war vielleicht gar nicht die schlechteste Eigenschaft, um den Pyromanen Acalon davon abzuhalten, das Dorf abzufackeln. Doch abseits dessen fiel ihm nichts weiter ein.
„Ich habe Hunger! Also, bringen wir es schnell hinter uns.“, fuhr der Bürgermeister fort. „Lasst mich raten, ihr wollt dem Zeron Soric berichten?“ Offensichtlich hatte das Bedürfnis nach Frühstück den Ärger nun doch besiegt.

Lycon klärte die Formalitäten, dabei begann der Kristall im Treppenhaus zu erglühen. Die Blütenklappe öffnete sich, der Hologrammkommunikator wurde kalibriert und begann, eine holographische Verbindung nach Rhiel herzustellen. Der schwacher Laser schoss über die Gebirge und Wälder, Täler und Felder hinweg, in Richtung des Zeronenpalastes in Rhiel.

Die Verbindung stand, das Hologramm eines älteren und doch kräftigen Mannes in edelster Robe erschien – der Zeron Soric von Rhiel.
„Seid gegrüßt, eure Exzellenz“, begann der Bürgermeister. „Der junge Lycon, Lehrling des Alchemisten Acalon, möchte Euch über die Fortschritte Eurer Anforderung unterrichten." Sorics Blick wandte sich Lycon zu.
„Ich höre.“, kratzte die Stimme des Hologramms.
„Der oberste Alchemist Acalon hatte die Idee bereits selbst ins Auge gefasst, und den Prototypen haben wir heute Morgen getestet – erfolgreich. Hier sind die Pläne." Die ernste Miene Sorics verzog sich kein bisschen, stattdessen schien es, als hätte er nichts anderes erwartet. Die Pläne wurden vom Flux abgetastet, auf ein Papier in Sorics Hand eingebrannt. Sorgfältige Prüfung, erneut sah der Zeron Lycon an.
„Ja“, sprach er mit ruhiger und doch harter Stimme. „Wie genau ist der Test verlaufen?“ Der Bürgermeister schluckte.
„Wir …“, begann der Junge zögerlich, „haben einem Berg seinen stolzen Abhang weggefeuert und das ganze Dorf geschockt.“

Stille.

Lediglich das leise Flimmern des Kristalls war zu hören, als Soric Lycon eingehend musterte, während der Bürgermeister dies vollends genoss, auf Sanktionen für den Störenfried hoffte.
„Den halben Berg?“, fragte Soric und Lycon nickte. „Gut.“ Der Zeron grinste kurz, warf dem Bürgermeister einen verächtlichen Blick zu. Dieser bat darum, ihn zu entschuldigen und verließ eilig den Saal.
„Also wenn er sich so aufregt, muss es gut gewesen sein.“ Jetzt grinsten sie beide, sprachen auf derselben Ebene miteinander. „Was ich noch wissen wollte … Lycon, ich hörte, du seist außerordentlich gebildet, verfügst aber noch über keine Form der Fluxkontrolle.“ Die in dieser Aussage kaum versteckte Frage war Lycon unangenehm. Mit einem stillen Nicken bejahte er. „Verwunderlich in diesem Alter. Aber trotzdem kannst und sollst du Rhiel von Nutzen sein. Mit Siebzehn bist du alt genug, um endlich mehr als Lyderia zu sehen. Außerdem brauche ich deinen funktionalen Verstand hier in der Hauptstadt, es gibt ein paar Dinge aufzuklären.“  Lycon glaubte, nicht recht zu hören, stimmte eifrig zu. Natürlich sollten sie den Prototypen mitbringen und kaum war dies gesagt, endete das Gespräch. Aufgeregt rannte Lycon nachhause, fand dort Acalon vor, der nach wie vor die ferne Landschaft zerstörte. Die Entschädigung hatte Lycon komplett vergessen, teilte Acalon stattdessen euphorisch die Tatsache seiner persönlichen Einladung mit.
„Es ist also soweit …“, seufzte der alte Meister.
„Was meinst du?“ Acalon grinste, klopfte Lycon stolz auf die Schulter.
„Ach … die Zeit vergeht so schnell. Du bist endlich so weit.“ Stolz sprach aus dem Alten, gepaart mit der Trauer eines Abschieds.

Acalon gab ihm ein Pferd, seinen Schimmel mit blau glühenden Augen, ein Reisepferd, dessen Ausdauer und Geschwindigkeit künstlich durch den Konsum von flüssigem Flux, genannt Cyro, erhöht wurden, und das somit einen Wochenritt an einem Tag bewerkstelligen konnte. Schnell packte er ein paar Sachen zusammen und ritt ein paar Minuten später los. Acalon dagegen ließ sich Zeit, spannte eine Kutsche mit seiner Schöpfung an, plante ihm ein paar Stunden später zu folgen. Schließlich würde Lycon an der eigenen Spannung krepieren, ließe Acalon ihn nicht voraus reiten, zumal er Rhiel unbedingt zur Mittagszeit erleben sollte.

Entsprechend donnerte Lycon durch die Straßen der Kleinstadt, galoppierte den Bergpfad hinauf, entschwand in den Herbstwald. Über Trampelwege, vorbei an Scharen von bunten Bäumen und Büschen, immer weiter. Das Sonnenlicht schien durch die Baumkronen, ein sanfter Wind begleitete ihn. Nach einer Weile kam er aus dem Wald, erspähte den Pfad zur Hauptstadt. Endlose Wiesen im Osten, der Ozean im Süden, dessen Böen über das Land rauschten, die goldenen Hochgräser wie ein Wellenmeer erscheinen ließen. Unermüdlich galoppierte Lycon durch das Land, im Eiltempo seinem Schicksal entgegen ...

Kapitel 3

Mittag

Coming Soon :)

Nichts verpassen

Folge uns im sozialen Netzwerk deiner Wahl und sei immer auf dem Laufendem. Alle Entwicklungen rund um die Welt des Arkanit findest du hier:

Wer wir sind

  • Arkanite Productions
  • Dortmund

Unsere Partner